Eine Rechtsschutzversicherung übernimmt die Kosten eines rechtlichen Streits, bevor sie dich ruinieren. Anwaltshonorare, Gerichtskosten, Expertisen, Mediation, Reisekosten zu Vorladungen, Parteientschädigung an die Gegenseite. In der Schweiz gehört sie zu den wenigen Privatversicherungen, die sich für fast alle Erwachsenen mit eigenem Einkommen rechnen, weil ein einziger Rechtsstreit mehr kosten kann als zehn Jahre Prämien.
Der Schweizer Markt ist überschaubar: wenige grosse Anbieter, unterschiedliche Produktphilosophien. Manche verkaufen "all-inclusive" Pauschaltarife, andere modulare Baukästen mit Privat-, Verkehrs-, Immobilien- und Business-Bausteinen. Die Unterschiede stecken weniger im Preis als in den Sublimits, im Strafrechtsartikel und in der persönlichen Geltungsdefinition. Wer nur auf die Jahresprämie schaut, kauft oft das falsche Produkt.
Wann sich eine Rechtsschutzversicherung lohnt
Wenn du eine eigene Wohnung gemietet hast. Wenn du einen Arbeitsvertrag hast, der mehr als ein Nebenjob ist. Wenn du ein Auto besitzt. Wenn du in einer Partnerschaft oder Familie lebst, in der sich rechtliche Fragen zu Unterhalt, Kindern oder Scheidung stellen können. Wenn du Eigentümer einer Wohnung oder eines Hauses bist (dann brauchst du allerdings ein spezielles Immobilien-Modul). Wenn du häufigen Kontakt zu Versicherungen hast, insbesondere zur Invalidenversicherung, zur Krankenkasse oder zur Unfallversicherung.
Wann sie sich nicht lohnt
Wenn du noch im Haushalt deiner Eltern versichert bist, typischerweise als Student in Erstausbildung. Die meisten Schweizer Haushaltstarife schliessen dich dann bereits ein. Wenn dein Einkommen unter der Sozialhilfegrenze liegt und du Anspruch auf unentgeltliche Rechtspflege hast. Wenn du bereits Mitglied im Mieterverband bist, kannst du einen schlankeren Rechtsschutz ohne Miet-Schwerpunkt wählen, weil der Verband die Mietstreitigkeiten ohnehin abdeckt. Und wenn du durch eine Verbandsmitgliedschaft in deinem Beruf bereits juristisch vertreten bist (z.B. einige Lehrerverbände, Ärztegesellschaften, Polizeiverbände), brauchst du im beruflichen Umfeld oft keine zusätzliche Deckung.
Die wichtigsten Deckungsbausteine
Privatrechtsschutz. Das Kernstück. Deckt typischerweise Mietrecht, Arbeitsrecht, Vertragsrecht, Patientenrecht, Nachbarrecht, Versicherungsstreit, Konsumentenrecht und Internetrecht ab. Manche Anbieter ergänzen Erbrecht, Familienrecht, KESB und Steuerrecht, allerdings oft nur mit niedrigeren Sublimits von CHF 10'000 pro Fall, was im Ernstfall knapp wird.
Verkehrsrechtsschutz. Deckt Ausweisentzug, Verkehrsstrafbefehle, Streit mit der Autoversicherung, Schadenersatz nach Unfall und die vertragliche Seite von Fahrzeug-, Schiffs- und Flugzeugbesitz ab. Bei modularen Anbietern ein separates Modul mit eigener Versicherungssumme, bei Pauschal-Anbietern im Grundtarif enthalten.
Immobilienrechtsschutz. Für Eigentümer von Wohnungen oder Häusern, Vermieter und Bauherren. Deckt Stockwerkeigentums-Streit, Vermieter-Mieter-Streit, Baumängel, öffentliches Bau- und Planungsrecht und Enteignung. Bei fast allen Schweizer Anbietern ein separat zu buchendes Modul. Ohne dieses Modul sind Immobilientransaktionen in der Regel komplett ausgeschlossen.
Strafrechtsschutz. Hier unterscheiden sich die Anbieter am stärksten. Manche decken nur Fahrlässigkeitsdelikte, andere schliessen nur direkten Vorsatz aus und decken Eventualvorsatz mit ab. Ein Auffahrunfall mit Smartphone am Steuer kann staatsanwaltlich schnell als Eventualvorsatz gewertet werden, und genau dann entscheidet die Formulierung in den AVB.
Beratung. Viele Anbieter gewähren unbegrenzte telefonische Rechtsberatung in allen Rechtsgebieten, auch in solchen, die in der Hauptpolice nicht ausdrücklich versichert sind. Emilia formuliert dies besonders breit mit unlimitierten Beratungen in allen Rechtsgebieten inklusive Erbrecht, Familienrecht und KESB [AVB Ziff. 2].
Worauf du beim Vergleichen achten solltest
- Sublimits. Eine Police mit "21 versicherten Rechtsgebieten" kann genauso wenig wert sein wie eine mit 14, wenn sieben davon auf CHF 10'000 pro Fall begrenzt sind.
- Strafrechtsartikel. Prüfe explizit, ob Eventualvorsatz mitgedeckt ist oder ob nur Fahrlässigkeit zählt. Die meisten Leute lesen diesen Paragraphen nie. Er ist im Ernstfall entscheidend.
- Persönliche Geltung. Sind alle Personen im Haushalt mitversichert, auch WG-Mitbewohner? Sind Patchwork-Kinder ausserhalb des Haushalts mitversichert? Sind Kinder in Erstausbildung auch ausserhalb des Haushalts eingeschlossen?
- Streit zwischen Mitversicherten. Einige Anbieter schliessen Streit unter Mitbewohnern aus, andere nicht. Für WGs und Patchwork-Familien ist dieser Punkt zentral.
- Wartefrist und Wechseloption. 30 oder 60 Tage? Was passiert bei nahtlosem Wechsel von einer Vorversicherung? Welche Rechtsgebiete sind von der Wartefrist ausgenommen?
- Versicherungssumme pro Fall und pro Jahr. Ist die Summe einmal oder mehrfach pro Jahr abrufbar? Zählen interne Anwaltsstunden zur Summe dazu? Wie hoch ist die Auslandsdeckung?
Unsere Haltung
Wir halten die Pauschaltarife mit breiter persönlicher Geltung für die richtige Wahl für Mieter, Familien und WGs. Wir halten die modularen Baukästen für die richtige Wahl für Eigentümer, Vielfahrer und Selbständige im Nebenerwerb. In beiden Fällen empfehlen wir, sich nicht am billigsten Tarif zu orientieren, sondern an der Formulierung des Strafrechtsartikels und an den Sublimits der versicherten Rechtsgebiete. Der Tarif-Unterschied zwischen schlecht und gut liegt in der Schweiz selten über CHF 80 pro Jahr. Der Unterschied im Schadenfall kann fünfstellig sein.